Petrus, Maria und die Kirche

Als Maria das gesagt hatte, schwieg sie… Da redete Petrus dawider und fragte seine Brüder über den Retter: „Sollte er tatsächlich mit einer Frau allein gesprochen und uns ausgeschlossen haben? Sollten wir ihr etwa zunicken und alle auf sie hören? Hat er sie uns vorgezogen?“ Da weinte Maria und sprach zu Petrus: „Mein Bruder Petrus, was sagst du da! Meinst du, ich hätte dies alles selbst ersonnen in meinem Herzen und würde so über den Retter lügen?“

Da nahm Levi das Wort und sprach zu Petrus: „Petrus, du bist von jeher aufbrausend. Und jetzt sehe ich, wie du dich gegen diese Frau groß machst, als wärest du ein Rechtsgegner. Wenn aber der Retter sie für wert genug hielt – wer bist dann du, dass du sie verwürfest? Sicherlich kennt der Retter sie ganz genau. Und deshalb hat er sie auch mehr als uns geliebt. Wir sollen uns also schämen und den endgültigen Menschen anziehen. Wir wollen werden, wie er uns angewiesen hat und das Evangelium predigen, ohne das wir eine Weisung oder ein Gesetz geben, es sei denn das, in dem uns der Retter unterwiesen hat.“ (aus: Das Evangelium nach Maria)

In dem fast verschollen gegangenen und nur noch teilweise erhaltenem „Evangelium nach Maria“ kommt Petrus nicht gerade gut weg. Levi charakterisiert ihn als: von jeher aufbrausend. Auch wird seine Stellung zur Frau deutlich: Sollte er tatsächlich mit einer Frau allein gesprochen und uns ausgeschlossen haben? Sollten wir ihr (einer Frau) etwa zunicken und alle auf sie hören? Frauen sind demnach aus Petrus seiner Sicht weniger wert als Männer und anscheinend unwürdig, um mit Jesus allein zu sprechen. Es ist aus seiner Sicht anstößig, dass Männer auf Frauen hören, vielmehr sollen Frauen den Männern untertan sein, durch Männer „das Wort Gottes empfangen“, also aus zweiter Hand (diese Meinung, welche die Stellung der Frau im Judentum offenbart, vertrat auch Paulus in seinen Briefen). Nur als gehorsame Ehefrau und Mutter haben sie ein Anrecht auf das Himmelreich, gewährt oder verweigert von den Aposteln bzw. Priestern, also von Männern, anstelle von Gott, Jesus dem Heiligen Geist.

Es gab von Anfang an Frauen, welche sich in den Dienst des Christentums stellten, vor allem mit ihren Gütern oder Dienstleistungen. Sie konnten jedoch keine Position beziehen, schon gar nicht als Apostel anerkannt werden (nicht einmal Maria, obwohl sie Jesus am nächsten war). In den Briefen der Apostel werden auch zumeist nur die „Brüder“ angesprochen und die „Schwestern“ ignoriert.

Diesem Beispiel von Petrus (und Paulus) folgt die Kirche (auch ihre Abspaltungen und Sekten) nach wie vor nur allzu gern, anstatt die Kritik von Levi zu beherzigen und sich wirklich auf das zu besinnen, was Jesus gesagt und vorgelebt hat. Wie würde die Welt aussehen, wenn Maria, die Jesus für würdig befunden hat, um ihr tiefere Weisheiten zu offenbaren und die er laut „Evangelium nach Maria“ am meisten liebte (nicht nur von den Frauen, wie Petrus dies einschränkte) gleichberechtigt das Evangelium hätte predigen dürfen bzw. auch ihre Stimme in den Gemeinden Gehör gefunden hätte? Aber sie hatte nicht nur keinen Platz in der sich herausbildenden Kirche, die den Apostel Petrus als ihren ersten Papst benannte und sich zum Vorbild nahm, sondern die Jüngerin, die Jesus am meisten liebte, wurde als Hure verleumdet.

Andere Marias, welche Jesus die Ehre erweisen wollten, wurden selbst im Beisein von Jesus abwertend behandelt und weggeschickt, ebenso zählten Kinder nicht als wichtig genug, um ihnen Zuwendung und Gehör zu schenken. In den Evangelien wurde bezeugt, dass Jesus dieses Verhalten nicht gutheißt und seine Jünger zurechtweist. Er ließ Frauen, die zu ihm kamen, gewähren und schickte sie auch nicht weg, wenn sie seinen Worten zuhören wollten. Er stellte ein Kind in den Mittelpunkt, um „die Unschuld der Kinder“ zum Vorbild für die Jesusnachfolge zu machen. Diese Seite von Jesus ist in den Evangelien gut dokumentiert und dennoch wird sie von den Kirchen nach wie vor ignoriert, denn es passt nicht mit dem Wesen eines Petrus zusammen, dem das Mann sein wichtiger war als Jesus in allen seinen Vorbildrollen zu folgen und ein vollständiger Mensch zu werden, der den weiblichen Anteil des Menschen nicht ignoriert und abwertet, sondern achtet und annimmt.

Levi zu Petrus: Wir sollen uns also schämen und den endgültigen Menschen anziehen.

In diesem Evangelium wird deutlich, dass Petrus ermahnt werden muss, Jesus zu folgen, anstatt seine Vor- Urteile, vor allem gegen Maria, beizubehalten und seine eigenen (kulturell geprägten) Ansichten als Maßstab zu nehmen. Dass Petrus sich Levis Ermahnung nicht wirklich zu Herzen nahm, wird unter anderem in dem Bericht von Hananias und Saphira deutlich. Petrus war ein angesehener, aber vor allem gefürchteter Apostel, der sich nicht scheut, wegen Geringfügigkeiten Menschen zu ermorden und sofort vergraben zu lassen (damit sie nicht wieder aufwachen können aus einer Bewusstlosigkeit?). Er liebte es anscheinend, seine „göttliche Macht“ mittels Gewaltmaßnahmen zu demonstrieren. Petrus wählte eindeutig den Weg der Macht und verbreitete im Namen von Jesus Furcht vor Gott. Er gewann nicht nur viele Anhänger und wurde letztendlich zum Vorbild für die Kirche.

Dennoch wurde auch Petrus, der Jesus über alles liebte, von Jesus auserwählt und mit einem Auftrag versehen. Jesus kannte ihn. Er wusste, dass Petrus bei all seinen Fehlern dennoch derjenige sein wird, der mit Eifer das Evangelium predigt und sich auch nicht scheut, dafür zu sterben. Vielleicht wusste er auch, dass sich trotz seiner Ermahnungen eine Institution bilden wird, die ihn verherrlicht, jedoch nicht nach seinen Worten und Vorbild lebt. Ohne die Kirche, die sich als Weltmacht etablierte, wäre das Evangelium von den herrschenden Mächten erstickt und vergessen worden, anstatt sich weltweit ausbreiten zu können.

Nun gibt es dieses Paradoxon, dass die größte Machtinstanz, die sich in dieser Welt gebildet hat, das Evangelium verbreitet, welches gegen jegliche Gewalt und Ausübung von Macht predigt. Die Botschaft der Nächstenliebe, der „Weg der Erkenntnis“ und der „göttlichen Liebe“ wurde und wird von einer Weltmacht verbreitet, die Andersdenkende verfolgte, „Hexen“ folterte, mordete, Kriege führte, den Namen Jesus und Gott missbrauchte und sich selbst zum „Stellvertreter Gottes“ machte.

Die Kirchen schufen jedoch auch architektonische Wunder und eine Kunst, welche die Seelen mit dem Göttlichen verbindet. Sie brachten den Menschen Jesus Worte und sein Leben als Vorbild. Sie richteten den Geist der Menschen vom Diesseits zur göttlich-geistigen Welt, gaben den Seelen einen tieferen Sinn im Leben, dazu Hoffnung, Trost, Glaube an das Gute.

Insofern war genau der cholerische, eifernde, mächtige Petrus und die ihm nacheiferten, diejenigen, denen es zu verdanken ist, dass Milliarden Menschen Jesus kennenlernen konnten und können. Die Zeit war noch nicht reif dafür, dass Jünger wie Levi sich durchsetzen konnten und auch Frauen wie Maria gleichberechtigt das Evangelium predigen durften.

Inzwischen ist die Zeit schon lange reif, um den ganzen Jesus als Vorbild zu nehmen. Eine patriarchalische Kirche, die den weiblichen Anteil des Menschen nach wie vor gering schätzt und Frauen nicht als gleichberechtigt ansieht, ist nicht (mehr) in der Lage, glaubwürdig das Evangelium zu verbreiten, denn sie hält sich selbst nicht an Jesus Worte und handelt nicht nach seinem Vorbild. Wenn die Menschen die Kirchen meiden, dann nicht deshalb, weil sie von Gott, Jesus und dem Heiligen Geist nichts wissen wollen, sondern weil sie durch Jesus und den Heiligen Geist erkannt haben, dass die Kirchen schon lange nicht mehr zeitgemäß sind und die Menschen bei ihrem spirituellen Wachstum eher behindern als unterstützen.

Jesus Abschiedsworte laut Evangelium nach Maria: „Friede mit euch, dass niemand euch abirren lasse mit den Worten: Seht hier! oder: Seht da!, denn der Sohn des Menschen ist inwendig in euch. Ihm sollt ihr nachgehen! Wer ihn sucht, wird ihn finden. Geht also und predigt das Evangelium der Herrschaft (Gottes)! Ich habe euch kein anderes Gebot gegeben, nur das, worin ich euch unterwiesen habe. Und ich habe euch kein Gesetz gegeben, wie Gesetzesstifter tun. Ihr sollt nicht durch das Gesetz ergriffen werden.“ Als er so sprach, wurde er unsichtbar.

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