Karma und Leiden

Eine Teilnehmerin am Gesprächskreis stellte folgende Frage: Ich bete jeden Tag zu Gott, um endlich von meinem Leiden erlöst zu werden. Aber er antwortet nicht. Muss ich dieses Leiden ertragen, weil ich in meinem vorherigen Leben irgendein schlechtes Karma erzeugt habe?

Grundsätzlich ist bekannt, dass unser Tun Folgen hat, auch wenn so einige Menschen nach dem Prinzip leben: Man kann alles tun, man darf sich nur nicht erwischen lassen.

In der östlichen Welt erzeugt diese Einstellung nur Verwunderung, denn es kommt nicht darauf an, ob man erwischt wird, wenn man Unrecht tut oder anerkannt, belohnt wird, wenn man Gutes tut, sondern die Folgen unseres Denkens und Tuns erfolgen aufgrund eines kosmischen Gesetzes. Die Wirkungen unseres Denkens und Tuns müssen nicht sofort eintreten, nicht einmal in diesem Leben, sondern können die Bedingungen der folgenden Inkarnation prägen. Dies besagt das Karmagesetz, das als ein universales kosmisches Grundgesetz des Lebens gilt. (Der Begriff Karma kommt aus dem Sanskrit und bedeutet Wirken, Tat.)

Diesem Grundgesetz folgend haben sich verschiedene Vorstellungen verbreitet, was nun genau Karma erzeugt und welche Folgen das Karmagesetz auf unser Leben hat. Letztendlich geht es darum, gutes Karma anzusammeln, um seine Lebensbedingungen zu verbessern und vor allem, um sich gute Lebensbedingungen für die folgende Inkarnation zu sichern bzw. sich aus dem Kreislauf der Wiedergeburt zu befreien.

Eine Umkehrfolgerung, die aus diesem Gesetz gezogen wurde, ist: Wenn jemandem schlimme Dinge passieren oder er unheilbar krank wird oder jemand in seinen Beziehungen leidet, dann deswegen, weil er dies anderen ebenso angetan hatte, wenn nicht in diesem Leben (was zumeist nicht der Fall ist), dann sicher in einer vorherigen Inkarnation. Das kann soweit gehen, dass über Menschen mit Behinderung oder diejenigen, die Schreckliches erlebt haben (Vergewaltigung, Raub, unheilbare Krankheiten usw.) geurteilt wird, dass dies die karmische Strafe für ihre Vergehen in vorhergehenden Leben ist. Damit sind sie nicht nur „selbst schuld“, sondern verdienen keine Hilfe, nicht einmal Mitgefühl, denn sie müssen etwas Schlimmes getan haben, um so von Gott oder dem Universum bestraft worden zu sein.

Am schlimmsten ist jedoch die Rechtfertigung von Tätern, ihre Vergehen zu tun, weil sie sich aufgrund einer „höheren Gerechtigkeit“ aufgefordert fühlen, einen „karmischen Ausgleich“ zu schaffen bzw. um ihre Opfer aufgrund ihrer karmischen Schuld aus vergangenen Leben zu strafen. Das ist natürlich eine Lüge, um sich bei all seinem schlechten Tun auch noch gut zu fühlen. Denn kein Mensch wird aufgrund kosmischer Gesetze dazu aufgefordert, andere Menschen zu strafen oder ihnen in irgendeiner Form Gewalt anzutun.

Das Karmagesetz ist kein „Rachegesetz“, sondern es dient dazu, dass wir uns seelisch-geistig weiter entwickeln. Dazu gehören auch unangenehme Erfahrungen bzw. schwierige Herausforderungen, an denen wir wachsen und reifen können. Wenn zum Beispiel ein Kind blind geboren wird, so muss das keine Strafe sein, weil die Seele in einem vorherigen Leben jemanden das Augenlicht nahm, sondern es kann sein, dass auf diese Weise bestimmte Fähigkeiten ausgeprägt werden sollen. Es ist bekannt, dass Blinde ihre anderen Sinne „schärfen“ und damit zu ungewöhnlichen Wahrnehmungen fähig sind. Ich habe keinen Menschen mit Behinderung kennengelernt, der sich über sein Schicksal beklagt hat (was nicht bedeutet, dass es diejenigen gibt). Sie haben ihr Handicap angenommen und es wurde dadurch zu einer Herausforderung, deren Bewältigung zu bestimmten Fähigkeiten führte.

Auch sagen Menschen, die einen Unfall erlebten oder eine schwierige Krankheit durchmachten, dass diese Erfahrung für sie bedeutsam war, denn sie lernten dadurch das Leben zu schätzen. Es erfolgte eine Kehrtwendung, weg vom oberflächlichen Konsum und weltlichen Begierden hin zu „inneren“ Werten.

Natürlich ist es dennoch so, dass unser Denken und Tun Folgen hat, wobei die Absichten, die Motive unseres Tuns oder Nichttuns entscheidend sind. Das heißt, wenn jemand stiehlt, weil Habgierige eine notwendige Hilfeleistung verweigerten oder um sich am Leben zu erhalten und keine andere Wahl hatte oder wenn jemand sogar töten musste, um seine Familie zu schützen, dann zählt nicht die Tat, sondern, warum derjenige so handelte. Ebenso nützt die großzügigste Tat nichts, wenn sie nicht aus Nächstenliebe bzw. Mitgefühl geschah, auch keine Nettigkeit, die unehrlich ist.

Es ist auch nicht so, dass die Folgen unseres Denkens und Tuns später als Strafe auftauchen, nach dem Motto: Auge um Auge, Zahn um Zahn, sondern es gilt das kosmische „Gesetz der Anziehung“, was besagt, dass wir mit unserem Denken und Tun (besser, Prägungen und Einstellungen) einen „äußeren Spiegel“ schaffen. Das bedeutet, die Welt spiegelt uns unsere unbewussten Prägungen wider, die auch karmische Lektionen enthalten, aber auch Lernaufgaben für unsere Entwicklung bzw. Bewusstseinsreife beinhalten.

Wir können unangenehme Erfahrungen als Ungerechtigkeiten betrachten, uns vielleicht als Opfer anderer Menschen oder ungünstiger Umstände sehen. Oder wir sehen die Welt als einen äußeren Spiegel, der uns hilft, unbewusste Prägungen zu erkennen, seien es karmische (die wir in dieses Leben mitgebracht haben) oder solche, die uns in der Kindheit eingeprägt wurden.

Aber warum werden gerade die guten, bescheidenen Menschen krank?

Es geht bei der seelisch-geistigen Entwicklung nicht darum, immer zu jedem nett zu sein, alles demütig zu erdulden, jedem zu geben, was er verlangt usw. (Dieses Verhalten wird gern in den Kirchen gepredigt und fällt insbesondere bei denjenigen, die von ihrer Veranlagung her schon nett sind, auf fruchtbaren Boden) Ein solches Verhalten zieht Egoisten und Energievampire geradezu an, nährt sie auf Kosten derer, die glauben, alles geben zu müssen, um Gott zu gefallen oder gutes Karma zu erlangen bzw. schlechtes Karma auszulöschen. Den Egoisten geht es immer besser. Sie strotzen vor Gesundheit (dank der Energie und der Fürsorge, die sie von den Gebern erhalten) und haben Erfolg in ihren Unternehmungen, dank Unterstützung.

Diejenigen, die sich anderen „ohne Erwartungen“ bedingungslos hingeben, werden irgendwann erschöpft bzw. ausgebrannt sein, bis hin zu unheilbaren Erkrankungen, wenn nicht rechtzeitig die Notbremse gezogen wird. Und dann kommt die Frage: Warum lässt Gott zu, dass ich leiden muss, obwohl ich doch alles für andere getan habe (nur nicht für mich selbst)? Warum erhört er meine Gebete nicht? Bin ich nicht würdig genug? Oder: Was habe ich nur in meinen vergangenen Leben verbrochen, um jetzt so viele Ungerechtigkeiten ertragen bzw. so sehr leiden zu müssen?

Es ist nicht „Gott“, der diesen Menschen ein schweres Schicksal auferlegt hat oder sie strafen will, weil sie in vergangenen Leben schlechtes Karma erzeugten, sondern ihre Lernaufgabe ist es, sich nicht alles gefallen zu lassen und zu erkennen, wenn sie nur benutzt werden. Egoisten tun was für sie selbst gut ist. Sie nehmen sich was sie brauchen. Für diese Menschen ist es wichtig zu lernen, andere als gleichberechtigt zu respektieren und für das, was sie bekommen auch eine angemessene Gegenleistung zu erbringen, während die „zu Netten“ lernen müssen, sich selbst als gleichberechtigt (nicht minderwertig) anzusehen und sich nicht von jeden benutzen zu lassen. Jeder Mensch benötigt daher einen „gesunden Egoismus“. Dieser ist notwendig, um sich in dieser Welt schützen und auch behaupten zu können, als Voraussetzung für seine seelisch-geistige Entwicklung und Reife.

Die einen müssen also lernen, nicht auf Kosten anderer zu leben, die anderen, nicht nur zu geben, sondern auch anzunehmen und Grenzen zu setzen, wo Geben und Nehmen nicht im Gleichgewicht ist.

Fazit: Die Ursache für das Leiden eines Menschen ist nicht zwangsläufig „schlechtes Karma“, sondern wir sind in dieser Welt, um unsere Erfahrungen zu machen und aus ihnen zu lernen bzw. uns ethisch (den Gesetzen des Lebens entsprechend) zu bewähren. Es geht auch darum, „über uns hinauszuwachsen“ und unsere Fähigkeiten, unser seelisch-geistiges Potential, zu erweitern.

Leid entsteht durch erzeugte Ungleichgewichte in der Lebensweise, zum Beispiel im Körper durch falsche Ernährung, in der Psyche durch Glaubensmuster (falsche Moralvorstellungen), die zum Ungleichgewicht in unseren Beziehungen bzw. in unserem sozialen Umfeld führen.

Menschen können in ihren privaten Beziehungen Nutznießer sein oder ausgenutzt werden, ebenso bei ihrer Arbeit, in religiösen Gemeinschaften oder allgemein durch gesellschaftliche Bedingungen (Ausbeutung der Frau, soziale Ungleichheiten in der Behandlung…) Das hat Auswirkungen auf unsere karmischen Prägungen, ebenso darauf ob wir Leiden oder uns im Gleichgewicht befinden, wobei definitiv nicht gilt: Leiden= Strafe für schlechtes Karma und Gesundheit/ Erfolg= Belohnung für gutes Karma.

Wir sind alle Gottes Kinder und werden aus dieser Ebene heraus geliebt. Wenn wir uns „bestraft fühlen“, so muss der Grund kein schlechtes Karma sein. Aber auch wenn es so ist, werden wir nicht bestraft, sondern es ist an der Zeit, Prägungen (Schattenanteile) zu erkennen und sie aufzulösen. Dadurch wachsen und reifen wir in unserem Bewusstsein.

Leid ist niemals eine Strafe, sondern ein Stoppschild, das uns sagt, dass wir einen falschen Weg gegangen sind, dass wir uns selbst auf irgendeine Weise geschädigt haben. Die Überwindung des Leidens geschieht, indem wir die wahren Ursachen (auf allen Ebenen) erkennen und beseitigen.

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